Nach Beginn der Assanierungs-arbeiten im Stadtteil Josefov wurde 1898 ein Verein für den Bau eines neuen Tempels gegründet, der die abgerissene Zigeuner-, Großhof- und Neue Synagoge ersetzen sollte. Im Januar 1899 kaufte der Verein ein altes Haus in der Jerusalemer Straße in der Prager Neustadt als Grundstück für den Neubau. Das erste Projekt einer Synagoge im neuromanischen Stil erarbeitete Baumeister Alois Richter 1899, das zweite Projekt im neugotischen Stil lieferte 1901 Baumeister Josef Linhart, Autor des dritten Projekts von 1903 war schließlich der bekannte Wiener Architekt Wilhelm Stiassny, dessen Entwurf im folgenden Jahr genehmigt und 1905–06 auf Kosten des Vereins von Baumeister Alois Richter ausgeführt wurde. Am Feiertag Simchat Tora, am 16. September 1906 wurde die neue Synagoge geweiht. Die Jerusalemsynagoge ist ein interessantes Beispiel für die von der Sezession geprägte Formsprache des maurischen Stils. Der Grundriss entspricht einer dreischiffigen Basilika mit zwei Querflügeln. Die Hauptfassade beherrschen ein mächtiger islamischer Bogen und das mit einem Davidstern versehene Rosettenfenster in der Mitte. Den Rand des Bogens ziert der Bibeltext: Das ist das Tor des Herrn, die Gerechten werden dahin eingehen (Psalm 118:20). Die Giebelwand schließt mit marmornen Gesetzesplatten und zwei Seitentürmchen ab. Die Mittelarkade des Portikus säumt der Bibelvers: Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht ein Gott geschaffen? (Malachi 2:10). Der langgestreckte Innenraum ist mit zwei Reihen sieben islamischer Bögen rhythmisch gegliedert, die die Frauenemporen tragen. Die Brü­stung der Galerie ist mit Bibelzitaten geschmückt (Psalm 121:1 Osten, Psalm 122:6–7 Norden, Psalm 69 89:14 Westen, Psalm 141:1,3 Süden). Links des Eingangs befindet sich eine Inschrifttafel, die von der Zigeunersynagoge hierher übertra-gen worden war. Das Erdge-schoss des Hauptschiffs und die Galerien erhalten ihr Tageslicht durch große, bleiverglaste Fenster. Der hohe Thora-Schrein (Aron ha-Kodesch) ist mit Weinlaubrelief und den Gebotstafeln geschmückt. Die Wände sind mit reicher Malerdekoration bedeckt, das Interieur wird mit zahlreichen aus Metall getriebenen Leuchtern vervollständigt. Auf der Westempore ist eine große Orgel angebracht. Während des Krieges diente die Synagoge als Lager, weshalb sie teilweise von größeren Zerstörungen verschont blieb. Sie wird schon ein ganzes Jahrhundert von der Jüdischen Gemeinde in Prag für den Gottesdienst genutzt. Bei der Untersuchung der Wandmalereien im Januar 2003 stieß man unter einer Marmorplatte links des Thora-Schreins auf eine verborgene Pergamentrolle, die hier fas ein ganzes Jahrhundert unberührt gelegen hatte. Diese kalligrafisch ausgeführte Abschlussurkunde schildert u.a. die Geschichte des Bauablaufs, enthält Angaben über Bauherren und Baumeister und ein Verzeichnis der Firmen und Handwerkern, die sich am Bau und dessen Ausschmückung beteiligt hatten. Am Ende der Gedenkschrift schreiben die Gründer der Synagoge: Diese Urkunde wurde im Gedenken an den glücklichen Abschluss dieses Baus geschrieben, von allen am Bau Beteiligten unterzeichnet und in Gegenwart zahlreicher Ehrengäste im Schlussstein des Bauwerks hinterlegt. Dieser Tempel möge die Jahrhunderte überdauern und noch in ferner Zukunft von der Frömmigkeit seiner Gründer zeugen. Er möge immer im ganzen Ausmaß seiner Bestimmung gerecht werden, damit sich die Gläubigen in seinen Räumen versammeln, um hier ihre Gedanken zum Schöpfer zu erheben. Das gebe Gott! Geschrieben in Prag, den 16. September 1906. Architekt Wilhelm Stiassny (1842–1910) wurde in Bratislava geboren und studierte am Wiener Polytechnikum und an der Akademie. Noch während des Studiums gründete er den Verein der Wiener Bauhüt-te, die sich um die Erneuerung der engen Zusammen­arbeit des Architekten mit den Meistern aller Handwerke bei der Realisierung neuer Bauwerke be­mühte. Im 1866 gründete Stiassny ein selbstständiges Architektenbüro und projektierte und leitete von 1868 bis 1905 den Bau von 180 Familienhäusern, Residenzen, Schu­len, Waisenhäusern, Stiften, Kran­ken­häusern und Synagogen in der Monarchie. Viele Bauwerke errichtete er auch in den böhmischen Län­dern. So war er Autor der Synagoge in Malacky (1886– 87) und in Jablonec nad Nisou (1892), der größten Prager Synagoge im Stadtteil Königliche Weinberge (1896–98), der Jugendstilsynagogen in Čáslav (1898–1900) und Prostějov (1904). 1877–78 projektierte er den Jü­dischen Zentralfriedhof in Wien, wo er auch eine ganze Reihe Fami­liengruften entwarf. Er war Gründer und langjähriger Präsident der „Gesellschaft für Sammlung und Kon­servierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums“ (1895) und des Jüdischen Museums in Wien (1897).   DIE  ERNEUERUNG  DER  SYNAGOGE Die Prager jüdische Gemeinde nahm 1992 mit finanzieller Unterstützung durch den Magistrat der Hauptstadt Prag die Erneuerung der Jerusalemsynagoge mit der Instandsetzung und Restaurierung der Fensterfüllungen in Angriff. 1996–97 wurde der Gebetsraum im ersten Geschoss der Synagoge erneuert, 2001–2 dann die Hauptfassade und das Portal restauriert. An der Finanzierung dieser Arbeiten beteiligten sich das Kulturministerium der ČR, der Magistrat von Prag und die Jüdische Gemeinde in Prag. Im 2004 begann die Restaurierung der Wandgemälde im Inneren, geplant ist eine schrittweise Erneuerung der Innenausstattung. Schon heute gehört die Jerusalemsynagoge zu den bedeutenden Denkmalen der Prager Architektur vom Anfang des 20. Jhs. und ist ein wichtiges geistiges und kulturelles Zentrum der Prager jüdischen Gemeinde. Während der Sommermonate ist die Synagoge für die Öffentlichkeit zugänglich, hier werden Konzerte und Kunstausstellungen veranstaltet.