Die Altneusynagoge   Die Altneusynagoge ist das älteste Denkmal des jüdischen Viertels in Prag und eine der ältesten noch erhaltenen Synagogen Europas. Sie wurde im letzten Drittel des 13. Jhs. von Steinmetzen der königlichen Bau­hütte, die am nicht weit entfernten Agneskloster arbeiteten, errichtet. Die Altneusynagoge zeugt von der bedeutenden Stellung der damaligen Jüdischen Gemeinde in Prag und dient hier nun schon über 730 Jahre als Hauptsynagoge. Ur­sprüng­lich hieß sie Neue oder Große Synagoge, mit der Entstehung weiterer Syna­gogen Ende des 16. Jhs. begann man jedoch die Bezeichnung Altneuschul zu verwenden. Eine Prager jüdische Legende erklärt diesen Namen anders: Die Fundamentsteine für den Bau trugen Engel vom zerstörten Tempel in Jerusalem unter der Bedingung – hebr. al-tenaj – heran, dass sie, wird der Tempel erneuert, zurück gebracht werden. Der Altneusynagoge wurde in der Prager Judenstadt und auch in fremden jüdischen Gemeinden große Verehrung zuteil. Jahrhundertelang war sie von Sagen und Legenden umwoben. So besagt die Legende, die Synagoge werde von den Flügeln der in Tauben verwandelten Engel vor Feuer geschützt und sei deshalb ohne große Schäden bis heute erhalten geblieben. An anderer Stelle heißt es, auf ihrem Dachboden lägen die Reste des Golem, dieses künstlichen Wesens, das der große Rabbi Löw zum Schutze der Prager Gemeinde geschaffen und belebt haben soll. Die Altneusynagoge ist das älteste erhaltene Beispiel für den Typus einer zweischiffigen mittelalterlichen Synagoge. Sie ist ein rechteckiges Bauwerk mit einem hohen Satteldach und gotischen Giebeln. Ihre starken Umfassungsmauern sind mit Strebepfeilern ausgesteift. Das Hauptgebäude wird an drei Seiten von niedrigen Anbauten umschlossen, dem Vorraum und den Frauen­schiffen. Letztere sind mit dem Hauptraum durch schmale Öffnungen verbun-den, die den Frauen ermöglichen, dem Gottes­dienst zuzuhören. Der Fußboden des Hauptschiffs liegt zum Zeichen der Demut traditionsgemäß einige Stufen unter dem Terrain der Umge­bung. In die beiden frühbarocken Kassen im Vorraum wurde die aus dem gesamten Königreich zusammengeführte Judensteuer eingezahlt. Der Innenraum der Altneu-synagoge schließt mit sechs Jochen fünfteiliger Rippen-gewölbe ab, die auf zwei achtseitigen Pfeilern ruhen. Die zwölf schmalen Spitzbogenfenster entsprechen den zwölf Stämmen Israels. Die steinernen Konsole und Kapitelle sind mit dem Reliefschmuck verschiedener Pflanzenmotive belebt, wobei das Weinlaub überwiegt. Künstlerisch am wertvollsten ist die Verzierung des Tympanons über dem Heiligenschrein und der Gewölbeschlusssteine. Die enge Beziehung der Dekoration der Altneusynagoge zu der in anderen frühgotischen Bauwerken in Böhmen datiert ihre Entstehung mit der Zeit um 1270. Die Mitte des Hauptsaals wird von einem erhöhten Podium mit einem Pult zum Vorlesen der Thora (Bima, Almemor) eingenommen. Es ist mit einem spätgotischen Gitter vom übrigen Raum getrennt. Die Thora-Rollen werden im Thora-Schrein (Aron ha-Kodesch) an der Ostwand der Synagoge, die Jerusalem zugewandt ist, aufbewahrt. Den Thora-Schrein verdecken ein gestickter Vorhang (Parochet) und eine Draperie (Kaporet). Sie sind mit Symbolen verziert, die an den Tempel in Jerusalem erinnern. Vor dem Thora-Schrein hängt ein ewiges Licht (Ner Tamid) und rechts von ihm steht ein steinernes Pult (Ammud) für den Kantor, der von hier den Gottesdienst leitet. In der Altneusynagoge ist bis heute die ursprüngliche Anordnung der Sitze an den Wänden des Saals erhalten geblieben, so wie esfrüher auch in den anderen Synagogen üblich war. An den Umfassungswänden sind die unlängst freigelegten Gewände von Nischen, in denen einst Gebetsutensilien und -bücher abgelegt wurden, erkennbar. Beleuchtet wurde der Hauptraum mit zahlreichen Bronzeleuchtern aus dem 16. bis 18. Jh. und Messingspiegeln an den Wänden. Zur dekorativen Innenausstattung der Altneusynagoge gehört auch eine hohe Fahne, das Symbol für die bedeutende Stellung der Prager jüdischen Gemeinde. Ihre Verwendung ist seit Ende des 15. Jhs. belegt, das heutige Aussehen hat sie durch die Erneuerung zur Zeit Karls VI. im Jahre 1716 erhalten. In der Mitte der Fahne befindet sich das schon seit dem 15. Jh. übliche Kennzeichen der Prager jüdischen Gemeinde, ein sechszackiger Davidstern mit Judenhut in der Mitte. Auf den Rand der Fahne ist das jüdische Glaubensbekenntnis Schema Jisrael geschrieben. Da die Altneusynagoge immer Hauptsynagoge der Prager jüdischen Gemeinde war, wirkten hier auch deren bedeutendsten Persönlichkeiten als Rabbiner. Im 16. Jh. waren es z. B. Rabbiner Elieser Aschkenasi, Mordechai ben Abraham Jaffe, Jehuda Löw ben Bezalel – der große Rabbi Löw – oder sein bedeutendster Schüler Jom Tov Lippmann Heller, der sich mit seinem hervorragenden Mischna-Kommentar einen Namen machte. Später waren hier auch der Prager Oberrabbiner Ezechiel Landau, eine bedeutende Autorität der traditionellen Rabbinergelehrsamkeit, und der Oberrabbiner Schelomo Jehuda Rappoport, einer der führenden Vertreter der jüdischen Aufklärung (Haskala), tätig.